Auszug aus der Einleitung zu
"Betriebsformen der ökologischen Landwirtschaft in Oberschwaben"
(S. Gaum 2007)

"Wenn das Künstliche nicht besser ist als das Natürliche, wozu dann alle Künste des Lebens? Graben, Pflügen, Bauen, Kleidertragen - alles sind direkte Übertretungen des Gebots, der Natur zu folgen."
(MILL, J.: Nature, zit. in: SCHIEMANN 1996: 216).

Wir sind gespalten mit dem Wissen, dass wir auf die Natur und ihr Funktionieren angewiesen sind, denn es besteht gleichzeitig der Wunsch, uns von dieser Abhängigkeit zu befreien. Ist es nicht Sinn und Zweck des Handelns, die Natur zu verändern und zu verbessern? Heißt es nicht: "Was nicht passt, wird passend gemacht?" - Die Möglichkeit einer Veränderung kann durchaus als Verbesserung gedacht werden, spielt uns die Natur mit ihren Launen doch in letzter Zeit immer öfter gegen die Wand. 800.000.000 Hungernde weltweit, Naturkatastrophen wie Hagel oder Überschwemmungen beinahe jährlich, ungewöhnliche Hitzeperioden und Klimaveränderungen in naher Zukunft - alles Realität.

Aber wir tragen auch selbst einiges zu diesem massiven Wandel bei und nicht zuletzt sind wir Mitschuldige zahlreicher Negativschlagzeilen, die jeden einzelnen grübeln lassen sollten, ob die ökonomische Ausrichtung unserer Lebensweise nicht doch einmal überdacht werden sollte.

Tatsächliche und vermeintliche Lebensmittelskandale haben den Menschen seit den 1980er Jahren immer wieder den Appetit verdorben: Unkrautvernichtungsmittel in Futtermitteln und umdatiertes Fleisch in neuer Verpackung, die Rinderseuche BSE und muffeliges Gammelfleisch. Die Fälle häufen sich, auch weil die Kontrollen schärfer geworden sind. Auch Ängste vor einer weltweiten Grippewelle durch neuartige Erreger machten die Runde. Die Vogelgrippe war vor einem guten Jahr in aller Munde und nachdem das für Menschen gefährliche H5N1-Virus bei toten Vögeln auf der Insel Rügen nachgewiesen wurde, brach auch in Deutschland der Handel von Geflügelfleisch zunächst ein. Doch wenige Monate später war im Sommer 2006 bereits alles wieder vergessen und die Menschen packten in den Supermärkten die Fleischschalen wieder in ihre Einkaufswägen - zum kleinen Preis versteht sich. Dabei hätte man sich vorstellen können, dass die Vogelgrippe dem Öko-Markt einen ähnlichen Schub gibt, wie es während und nach der BSE-Krise im Jahr 2000 zu beobachten war. Damals schnellte die Anzahl von Erzeugern und Verbrauchern rasant in die Höhe, ein Zuwachs von 20 Prozent war zu verzeichnen. Heute liegt er jährlich zwischen 4 und 5 Prozent, was für das Ziel der Bundesregierung, im Jahre 2010 einen Öko-Anteil von 20 Prozent an der gesamten Landwirtschaft zu erreichen, nicht unbedingt viel versprechend ist. Vielleicht helfen dabei solche Dokumentarfilme wie We feed the World, der 2006 in den deutschen Kinos erschienen ist und unter anderem den brutalen Handel von Tieren oder den verschwenderischen Umgang mit Backwaren in den städtischen Bäckereifilialen zeigte. Viele schauen sich den Film an und stellen dabei fest, wie grausam und geldorientiert die Gesellschaft heute ist. Dagegen etwas unternehmen? Keineswegs. Vereinzelt mag jemand missioniert worden sein, aber die Welt weiß doch längst Bescheid vom hohen Preis des niedrigen Preises.

Konventionelle Güter sind heutzutage einfach nichts mehr wert - die Preise sind auf dem niedrigsten Stand seit der Nachkriegszeit. Für Lebensmittel hatte man zu Goethes Zeiten beinahe die Hälfte des Einkommens ausgegeben, heute reicht ein Achtel.

Trotzdem ist der ökologische Landbau der lebende Beweis dafür, dass es auch anders geht. Hätten Bauern und Bäuerinnen ihn in der Praxis nicht entwickelt, wäre die Suche nach Lösungen für unsere heutigen Probleme ungleich schwerer. Bio-Produkte sind keine Exklusivprodukte mehr für eine ausgewählte Käuferschicht. Sie werden inzwischen neben dem Fachhandel auch in allen wichtigen Verkaufsstätten des Lebensmitteleinzelhandels angeboten. Damit gehören sie weitgehend zum Alltag. Die wachsende Sorge der Bevölkerung um Gesundheit und Umwelt und das steigende Ernährungsbewusstsein verhelfen dem ökologischen Landbau seit 1990 nicht nur in Deutschland, sondern auch in der gesamten Europäischen Union zu einem stetigen Wachstum.